DER KUCKUCKSRUF

(Produktion 1987)

TANZTHEATER Susanne Hajdu - 'Der Kuckucksruf' - Produktion 1995

"Ich arbeite immer wieder gegen das Vergessen, weil ich die berechtigte Angst habe, daß am Ende 'alter Kriege' neue stehen." - Susanne Hajdu

Idee, Inszenierung, Choreographie: Susanne Hajdu
Schauspiel: Paul Vilnai
Musikalische Leitung, Klavier: Anna Wagner
Gesang: Gisela Theisen - Mezzosopran
Tanz: Susanne Hajdu, Maria Salzmann
Organisatorische Leitung: Josephine Amschl
Technik: Sandra Hirtl
Aufführungsorte: Österreichische Nationalbibliothek Wien, Prunksaal / Abtei Brauweiler Pulheim, Deutschland

"DER KUCKUCKSRUF"
Abschaltung des Rundfunksenders und Einschaltung des Luftschutzsenders.

Szenario mit Kompositionen und Tänzen, im Nationalsozialismus verfolgter KünstlerInnen, "entartete Kunst" als Schlaglichter einer inszenierten Lesung aus Tagebuchaufzeichnungen von Josef Schöner (Wiener Tagebuch 1944/1945).
[Josef Schöner, Wr. Tagebuch 1944/1945, Hg. E.M.Csaky, F.Matscher, G.Strouzh, Böhlau Verlag 1992]

Josef Schöner, geb. 1904, "Österreich-gesinnter" Diplomat aus dem bürgerlichen Lager, wird 1939 für das deutsche Auswärtige Amt als "nicht tragbar" 35jährig in den Ruhestand versetzt. Zwei Jahre zum Wehrdienst einberufen, als "av" (arbeitsverwendungsfähig) in der Heeresstandortverwaltung Wien dienstverpflichtet; von 1945 bis 1977 im österreichischen Auswärtigen Amt tätig, zuletzt Botschafter in London, 1973 Generalsekretär des österreichischen Komitees für UNICEF, verstorben 1978.

Die Lesung thematisiert die Zeit seit September 1944, als durch die schweren Bombenangriffe auf Wien die Kriegswirklichkeit unmittelbar über die Bevölkerung der Stadt hereinbrach.

Die Lesung wird durch Schlaglichter unterbrochen: selten interpretierte Klavier- und Gesangsstücke aus Werken von Alban Berg, Arnold Schönberg, Paul Hindemith, Darius Milhaud, Ernst Krenek, sowie Tanzstücke zu Choreographien von Gertrud Bodenwieser und Hilde Holger.

Alle diese KünstlerInnen waren im Naziregime als "entartet" und/oder "jüdisch" ausgewiesen, zu Exil gezwungen (mit Ausnahme von Alban Berg, verstorben 1935). "Der Kampfhund für deutsche Kultur", oder Werke wie etwa "Das Judentum in der Musik", oder z.B. eben "nur" die Schließung des Tanzstudios Hilde Holger im Palais Ratibor 1938, beendeten oder unterbrachen künstlerisches Schaffen. Provokation und gestalterische Kraft in der Musik und in der Tanzkunst aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts werden zu Zeitzeugnissen und so als Erinnerungsstücke in den szenischen Ablauf verwoben.


"ENTARTETE KUNST"
Alban Berg, österreichischer Komponist
geb. 1885 in Wien - gest. 1935 in Wien
Schüler von Arnold Schönberg
In der NS-Zeit Aufführungsverot, seine Werke galten als "Sinnbild der Verfallszeit"

Gertrud Bodenwieser, österreichische Tänzerin u. Choreographin
geb. 1890 in Wien - gest. 1959 in Australien
eigene Tanzschule und Ensemble, Lehrtätigkeit an der Akademie für Musik und Darst. Kunst, Tanzdramen und Tanzfolgen wie ihre bekannteste Choreogrphie "DämonMaschine".
1937 Emigration mit ihrem Mann Friedrich Rosenthal. Rosenthal deportiert; Bodenwieser über Südamerika nach Sydney.

Paul Hindemith, deutscher Komponist
geb. 1895 in Hanau am Main - gest. 1963 in Frankfurt
1937 Rücktritt von seiner Lehrtätigkeit in Berlin, verlässt Berlin. seit 1938 in der Schweiz, seit 1949 in den USA lebend, von der nationalsozialistischen Behörde als Kulturbolschewik bezeichnet.

Hilde Holger, österr. Tänzerin, Schülerin von Gertrud Bodenwieser
geb. 1905 in Wien - gest. 2001 in London
Biographie erschienen in Köln 1990 damals in London lebend.
Damals im Palais Ratibor Singerstr. 1938 geschlossen. Als Jüdin 1939 in Wien untergetaucht, Ausreise über Frankreich nach Indien.

Ernst Krenek, österr. Komponist
geb. 1900 in Wien - gest. 1991 in USA
Künstlerische Tätigkeit in Deutschland und Österreich; emigriert, als "entartet" ausgewiesen, in die USA, amerikan. Staatsbürger

Darius Milhaud, franz. Komponist
geb. 1892 in Aixx en Prevence - gest. 1974 in Genf
1940 als Jude und "entarteter" Komponist gezwungen Paris zu verlassen und in die USA zu gehen; ab 1947 wieder in Europa

Arnold Schönberg, österr. Komponist, Maler
geb. 1874 in Wien - gest. 1951 in Los Angeles
Lehrtätigkeit in Deutschland, emigrierte 1933 nach Frankreich, dann USA,
Prof. an der University of California


MITWIRKENDE:
Susanne Hajdu, geb. 1950 in Budapest, umfassende Tanzausbildung, seit 1981 freie Theaterarbeit; Studium der Romanistik und Geschichte; Unterrichtstätigkeit im Bereich Tanz am Padagogischen Institut der Stadt Wien.

Gisela Theisen, geb. 1969 in Köln, Gesangsstudium in Musikhochschule Köln, Universität für Musik und Darst. Kunst Wien, Chortätigkeit Wiener Staatsoper u. Salzburger Festspiele, Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Solistin Landestheater Linz, Opéra Comique Paris, Grand Théatre de Reims, zahlreiche Konzertauftritte in Deutschland, Österreich, Frankreich, Kroatien, Italien, Serbien, USA etc.

Anna Wagner, geb. 1954 Mauthausen, Pianistin, Konzerttätigkeit im In- und Ausland, Soloabende, sowie Kammermusik- und Liederabende. Seit 11984 Leitung der klasse für Lied- und Oratoriumgrundschulung an der Hochschule für Musik und Darst. Kunst in Wien.

Paul Vilnai, geb. 1915 in Wien - gest. in Wien, spät berufener Shauspieler, zahlreiche Theater- und Gilmengagements im In- und Ausland.

Maria Salzmann, geb. 1966 in Modawien, Ausbildung in klassischem Ballett und Modern Dance. Auftragsarbeiten für Theaterstücke; 1990 aus politischen Gründen emigriert. Gelegenheitsarbeiten in Wien, Asy erhalten 1992, bereits in der Produktion 1993 des Tanztheaters mitgewirkt.

Paul Vilnai, Bericht: "Mein Vater - 1862 geboren - war ein "Nichtarischer" Christ. Sein Tod im Jahre 1936 entzog ihn der irdischen Ungerechtigkeit, die dann, zwei Jahre später, voll über uns hereinbrach. Über Nacht war ich ein Mensch zweiter Klasse geworden, dem wesentliche Bürgerrechte vorenthalten blieben. Ein Hochschulstudium zum Beispiel kam für mich nicht mehr in Frage. Dagegen bekam ich sehr bald den Einberufungsbefehl, dem ich mich nicht entziehen konnte. Den Krieg überdauerte ich bei der Wehrmacht als 'U-Boot', indem ich meinen 'Makel' niemandem verreit. So konnte ich sogar verhältnismäßig sicher und ohne Diskriminierung leben. Im letzten Kriegsjahr konnte ich mich dann auch noch völlig legal und reibungslos vom Militär verabschieden. Gefährlich wurde es für mich kurioserweise erst in meiner Heimatstadt Wien. Bombenangriffe , Arbeit in der Rüstungsindustrie und der Einsatz beim Südostwallbau überstand ich dann doch mit einigem Glück. Bald aber erlebte ich die größte für mich denkbare Genugtuung: den totalen Zusammenbruch der Hitlerdiktatur. Der Böse Alptraum war zu Ende, ich war frei, durfte heiraten und eine Familie gründen. Die wollte allerdings auch ernährt werden, also mußte ich meinen ursprünglichen Lebensplan endgültig aufgeben. Erst Jahrzehnte später wurde es mir möglich, einen alten Traum zu verwirklichen. Ich setzte mich zu jungen Leuten auf die Schulbank und wurde Schauspieler. Ein neues, buntes, aufregendes Leben begann und dauert noch..."